KI in der Sprachtherapie und warum der Mensch den Unterschied macht

Im Gespräch mit Lara Schöneborn über KI und personalisierte Versorgung in der Neurorehabilitation bei cereneo 

Am 6. März feiern wir jedes Jahr den Europäischen Tag der Logopädie – eine Gelegenheit, das Bewusstsein für Sprach-, Sprech- und Kommunikationsstörungen zu schärfen und die wichtige Arbeit von Sprach- und Sprechtherapeut:innen sowie Logopäd:innen hervorzuheben. 

Das diesjährige Thema, Künstliche Intelligenz (KI), lädt dazu ein, zu erkunden, wie smarte Werkzeuge die menschliche Expertise in der Therapie ergänzen können: zur Unterstützung von Diagnostik, Übung und Motivation, während die Versorgung persönlich, ethisch und sicher bleibt. 

Bei cereneo – in Weggis und Vitznau – steht stets der Patient bzw. die Patientin im Mittelpunkt: kultursensibel, mehrsprachig und individuell auf persönliche Ziele zugeschnitten. In diesem Zusammenhang haben wir uns mit einer unserer Sprachtherapeutinnen, Lara Schöneborn, zusammengesetzt, um die Chancen und Grenzen von KI zu reflektieren und praktische Perspektiven und Tipps für Patient:innen und Familien zu geben. Ihre Einblicke zeigen, wie Technologie die Therapie unterstützen kann, ohne die entscheidende menschliche Verbindung zu ersetzen, die Fortschritt und Hoffnung ermöglicht. 

 

Lara ist seit viereinhalb Jahren Sprachtherapeutin bei cereneo. Sie unterstützt Menschen, die sich von neurologischen Erkrankungen erholen, dabei, klare Kommunikation und sicheres Schlucken zurückzugewinnen. Ihr Arbeitsbereich umfasst Sprechklarheit und Stimme, Sprachverständnis und -produktion (einschliesslich Aphasie), Lesen und Schreiben, Fazialisparese sowie Schluckstörungen. Jeder Behandlungsplan wird individuell auf Ziele, Sprachen und kulturelle Bedürfnisse abgestimmt, mit aktiver Einbindung der Familie. 

Wie passt du die Therapiesitzungen an die Ziele, Sprache und Kultur jeder Person an? 

Beim ersten Treffen beginnen wir mit einer ausführlichen Anamnese und einem Gespräch über die Ziele, in dem wir die Prioritäten der Person und die von ihr und ihrer Familie wahrgenommenen Schwierigkeiten besprechen. Standardisierte Tests liefern anschliessend objektive Messwerte, um spezifische Beeinträchtigungen zu identifizieren und eine Ausgangsbasis zu erstellen. Auf Basis dieser Ergebnisse und des vom Arzt bereitgestellten Versorgungsplans (einschliesslich Anzahl und Intensität der Sitzungen) entwerfen wir einen individuellen Plan, der die Zeit bei cereneo optimal nutzt und Sicherheit, Funktion und sinnvolle Ziele priorisiert. 

Beispielsweise wird nach einem Schlaganfall, wenn jemand sowohl Sprach- als auch Schluckstörungen hat, das Team zunächst auf das Schlucken fokussieren, da Sicherheit Vorrang hat. Ziel ist es, das Risiko einer Aspiration (wenn Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege gelangt) zu reduzieren und das Essen und Trinken zu stabilisieren. Sobald das Schlucken sicher ist, wird die Therapie auf Kommunikation verlagert – mit Fokus auf Sprachverständnis, Ausdruck und Lese-/Schreibfähigkeiten – stets angepasst an die Sprache, Kultur und Familienroutine der Patient:innen. 

Was können Patient:innen und Familien zwischen den Sitzungen tun, um den Fortschritt zu unterstützen?

Zwischen den Sitzungen spielen Patient:innen und Familien eine aktive Rolle, um Fortschritte auf sichere Weise zu erhalten, wie es mit den Therapeut:innen vereinbart wird. Für das Schlucken werden kurze Stimulationen und Übungsaufgaben mit klaren Anweisungen vermittelt, wann pausiert werden sollte, z. B. bei Husten oder Unwohlsein. Bei Aphasie lernen Familien praktische Kommunikationsstrategien, um effektiv zu kommunizieren. Ausserdem wird selbstständiges Training auf Tablets mit personalisierten Übungen und Fortschrittsverfolgung eingerichtet, sodass Patient:innen unabhängig üben können, während wir den Plan anpassen. Dieser gemeinsame Ansatz hält Erfolge im Alltag lebendig und respektiert Sprache, Kultur und Familienleben. 

Das diesjährige Thema ist Künstliche Intelligenz: Welche Chancen siehst du für KI in der Sprach- und Sprachtherapie und wo liegen ihre Grenzen? 

KI ist bei cereneo derzeit in der Schlucktherapie begrenzt, da spezialisierte und praktische Betreuung unerlässlich ist. Für Sprache und Kommunikation ist sie jedoch eine hilfreiche Unterstützung. Wir nutzen KI, um individuelle Materialien zu erstellen – etwa Bildsets oder auf Ziele zugeschnittene Texte (z. B. zum Üben von Verben oder funktionalen Wörtern), basierend auf Themen, die die Person kennt und mag, von Arbeit bis Freizeit. KI hilft auch, administrative Aufgaben wie Berichte und tägliche Notizen zu vereinfachen, sodass wir uns voll auf die Patient:innen konzentrieren können. Dennoch sind Grenzen wichtig: Übermässige Abhängigkeit kann die Qualität der Therapie mindern. Deshalb bleibt KI immer therapeut:innengeführt, kultursensibel und persönlich. Sie kann unterstützen – aber niemals die Therapeut:innen ersetzen. 

Welche praktischen Hinweise würdest du Patient:innen und Familien geben, die KI-Tools in der Therapie erwägen? 

Für Patient:innen und Familien kann KI sowohl hilfreich als auch risikobehaftet sein. Sie kann gezielte Übungen bieten und Wissenslücken füllen, aber nicht alle Informationen online sind korrekt. Wir empfehlen Angehörigen, an Sitzungen teilzunehmen, Techniken zu beobachten und sichere, relevante Inhalte in den Alltag zu übernehmen. Wer KI-Tools ausprobiert, sollte dies immer in Begleitung von Therapeut:innen tun, seriöse Lösungen wählen und Datenschutz beachten. Klug eingesetzt kann KI die Therapie ergänzen und Familien stärken – heute und in Zukunft. 

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